Von Dr. Harald Bachmann

Es wird heute kaum mehr beachtet, dass schon die Mutter der Königin Viktoria aus Coburg stammte, nämlich die am 17. August 1786 als vierte Tochter des späteren Herzogs Franz Friedrich Anton und der Herzogin Auguste Caroline Sophie geborene Prinzessin Victoire. Sie war von 1803 bis 1814 mit Fürst Karl Emich zu Leiningen verheiratet, dem sie zwei Kinder schenkte. Nach dem Tode ihres Gemahls heiratete sie am 29. Mai 1818 Herzog Eduard August von Kent, den vierten Sohn König Georgs III. von Großbritannien aus dem Hause Hannover. Am 24. Mai 1819 wurde im Kensington Palace zu London das einzige Kind dieser Ehe geboren und erhielt den Namen Viktoria nach ihrer Coburger Mutter. Somit stammt auch der Name der späteren Königin aus Coburg. Wenige Monate nach der Geburt seiner Tochter starb im Januar 1820 der Vater Herzog von Kent. Die Königin-Mutter lebte dann als "Tante Kent" bis zu ihrem Tode am 16. März 1861 im Kensington Palace. Da sie die Schwester des Coburger Herzogs Ernst I. (1784 bis 1844) war, war sie die Tante des am 26. August 1819 auf der Rosenau geborenen Prinzen Albert und wurde am 20. Februar 1840 bei dessen Heirat mit seiner direkten Cousine Viktoria, Königin von Großbritannien seit 1837, nun auch dessen Schwiegermutter. Zunächst hatte der Coburger Prinz in England keine leichte Stellung, doch wurde er immer beliebter. Auf sein Betreiben wurde schließlich 1851 die Erste Weltausstellung in London ausgerichtet. Seit 1857 durfte er sich ofiziell "Prince-Consort", Prinzgemahl nennen, was in gewisser Weise der Stellung eines Mitsouveräns

Queen Victoria im Alter von 75 Jahren, bei ihrem letzten Besuch 1894 in Coburg.

gleichkam. Seine Stellung in England wurde auch durch das harmonische Familienglück gefestigt. Insgesamt wurden dem Herscherpaar neun Kinder geschenkt, davon vier Söhne, und Töchter, die alle zum Ruhm der englischen Dynastie beitrugen. Albert hat nie den Kontakt zu Coburg abreißen lassen und auch Königin Victoria gewann immer mehr Zuneigung zu der "geliebten kleinen Heimat".

In ihre Trauer um Gemahl Prinz Albert war Victoria tief verstrickt. Im Gästebuch von Schloss Rosenau unterschreibt sie am 16. Oktober 1862 mit "die trostlose Witwe des geliebten Prinzen Albert". Darunter zu sehen die kindliche Unterschrift ihres Sohnes Leopold.

Insgesamt siebenmal besuchte sie Coburg, 1845 und 1860 mit ihrem Gemahl, 1862, 1863, 1865, 1876 und zuletzt 1894. In den glücklichen Tagen ihres ersten Aufenthalts in Coburg hat sie am 26. August 1845 am 26. Geburtstag ihres geliebten Albert auf der Rosenau den freudigen Ausspruch getan: "Wäre ich nicht das was ich bin, wäre hier mein wirkliches Zuhause!".       War schon 1844 der Vater von Prinz Albert, Herzog Ernst I. von Sachsen Coburg und Gotha, gestorben, fiel auf den Aufenthalt 1860 ein Schatten durch den Tod der Herzogin Marie, der zweiten Gemahlin Ernst I. am 24. September 1860 in Gotha. Nach dem Tod ihrer Mutter am 16. März 1861 traf der überraschende Tod Alberts am 14. Dezember 1861 Königin Viktoria so sehr, dass sie die folgenden 40 Jahre ihres Witwendaseins nie mehr die Trauerkleidung ablegte. Bei ihrem Besuch 1862 schrieb sie in das Gästebuch des Schlosses Rosenau die bewegenden Worte: "Victoria reg., die trostlose Witwe des geliebten Prinzen Albert." Daneben unterschrieb in kindlicher Schrift ihr damals neunjähriger jüngster Sohn Leopold, Herzog von Albany, der spätere Vater des letzten Coburger Herzogs Carl Eduard. 1865 nahm Königin Victoria die Einweihung des Denkmals für ihren geliebten Gemahl Albert vor. Es war für sie die Herzensangelegenheit, alle ihre neun Kinder auf dem Coburger Marktplatz dabei um sich und das Denkmal zu versammeln.
Mit dem Tode der Königin Viktoria vor genau 100 Jahren, am 22. Januar 1901, in Osborne House auf der Insel Wight, verlor die weltweite Familie der Coburger ihren Mittelpunkt, ging auch für Europa und die Weilt ein Zeitalter zu Ende, das sie mit ihrer 64-jährigen Regierungszeit, wohl einer der längsten in der Geschichte der englischen Monarchie, entscheidend geprägt, zum "Viktorianischen Zeitalter" gemacht hatte. Großbritannien war im 19. Jahrhundert zur Weltmacht schlechthin geworden, erlebte unter Königin Viktoria einen ungeahnten politischen Einfluss in allen Kontinenten und einen einzigartigen wirtschaftlichen und industriellen Aufschwung. Eine geschickte Heiratspolitik brachte die neun Kinder Königin Viktorias und Prinzgemahl Alberts zum Ende des 19. Jahrhunderts auf zahlreiche Throne Europas oder in nahe Verwandtschaft zu diesen. Doch deuteten sich kurz vor ihrem Tode erste düstere Rückschläge an. Am 6. Februar 1899 sank mit ihrem Enkel, dem Erbprinzen Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha, der zukünftige Herzog Coburgs ins Grab, am 30 Juli 1900 musste sie den Tod ihres zweitgeborenen Sohnes, des Herzogs Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha, erleben. Mit dem Tod der beiden, Vater und Sohn, ging die Ära der Herzogsfamilie Edinburgh in Coburg zu Ende.